Vishnoir Kim, der Skulptur in Seoul und Bildende Kunst mit den Schwerpunkten Performance und Film in Kassel studierte, setzt sich in seinem Werk mit Themen wie Fremdheit, Anpassung und Frustration auseinander und positioniert sich als outsider in der deutschen Gesellschaft.
Er ist in der Ausstellung mit zwei Arbeiten vertreten, die seine künstlerische Herkunft beleuchten: eine raumgreifende Hohlplastik aus gefundenen Pappkartons und ein Videozusammenschnitt, entstanden aus der Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollektiv „Amöeba Collective“. Die filmische Arbeit reflektiert die kollektive Praxis der Künstler*innengruppe, die intermediale Projekte realisiert, während Vishnoir Kims Plastiken aus weggeworfenen Materialien sein Außenseiterdasein unterstreichen.
Das Kollektiv arbeitet seit 2018 in verschiedener Zusammensetzung. Die Projekte zeichnen sich durch eine multisensorische Kombination aus Installation, Live-Sound-Kompositionen, Videoarbeiten, Masken- und Kostümbau, Körper- und Bewegungsforschung aus. Inhaltlich befasst sich die Gruppe mit Fragen zu Transformation, Erinnerung, kollektiver und individueller Sicherheit sowie gesellschaftlichen Strukturen und politischen Entwicklungen. Die aktuellen Mitglieder neben Vishnoir Kim sind Cat Woywod, Franziska Ullrich, Natalie Bauer und Yidahn, die das Kollektiv in Südkorea repräsentiert.
Amöben, wörtlich übersetzt die „Wechselnden“, sind eine große, vielgestaltige Gruppe von Einzellern, die keine feste Körperform besitzen, sondern ihre Gestalt laufend ändern. Amöben sind biologisch gesehen eine Lebensform und keine Verwandtschaftsgruppe. Im Filmzusammenschnitt sind wiederholt Gestalten zu sehen, die sich wie „Riesenamöben“ der Gattungen „Amoeba“ und „Chaos“ in diversen Räumen bewegen. Vishnoir Kim ist in verschiedenen Rollen als Performer, Kostümbauer, Filmer, Editor und Sound-Designer dabei. Die Arbeit mit dem Körper, die enge Verbindung von Werk und Erfahrung, ist ein gemeinsamer Nenner in den Arbeiten des Kollektivs. Der Künstler engagiert sich zudem bei „Save Nujin“, einer Initiative, die sich um einen neuen Standort für die Friedensstatue bemüht, nachdem sie von der Universitätsleitung vom Kasseler Campus entfernt wurde. Der Film lief im Rahmen des 42. Kasseler Dokfestes in der Sektion "Goldener Herkules" und eine Kurzversion ist auch hier zu sehen.
Die Hohlplastik von Vishnoir Kim, deren materielle Fragilität Bestandteil der Arbeit ist, entfaltet hier im Raum eine bemerkenswerte Präsenz. In ihrer Formensprache schwingt die Skulptur zwischen verschiedenen ikonografischen Referenzen: Sie weckt Assoziationen an mehrköpfige Gottheiten aus dem asiatischen Kulturraum ebenso wie an christliche Bildtraditionen, etwa den Strahlenkranz von Heiligenfiguren oder die Dornenkrone. Auffällig ist die expressive Geste der aus Pappe geformten Hände, die eine Auseinandersetzung mit der Tradition der Skulptur erkennen lassen und an das Werk Rodins erinnern, der als „Bildhauer der Hände“ gewürdigt wurde.
Die Verwendung der Spiegelmaske ist ein wiederholtes Motiv in den Filmen des Kollektivs, das die thematische Klammer zum Ausstellungstitel „reflection / surface“ herstellt. Dem Gegenüber wird die Möglichkeit eines direkten Blickes auf das Subjekt verwehrt; stattdessen wird es mit der Reflexion des eigenen Selbst konfrontiert – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Performance thematisiert somit auch die Unmöglichkeit, hinter die physische Oberfläche oder die gesellschaftlichen Masken zu blicken.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Susanne Jakubczyk
Kunsthistorikerin M.A.
Vernissage der Ausstellung „reflection / surface“






